Kafkas Vexierbild

„…..Erinnert mich daran, daß ich für meinen Teil eine starke Verwandlungsfähigkeit habe. Gestern Abend auf dem Nachhauseweg hätte ich mich als Zuschauer mit Tucholski verwechseln können. Das fremde Wesen muss dann in mir so deutlich und unsichtbar sein, wie das Versteckte in einem Vexierbild, in dem man auch niemals etwas finden würde, wenn man nicht wüsste daß es drin steckt. Bei diesen Verwandlungen möchte ich besonders gern an ein Sichtrüben der eigenen Augen glauben.“

Franz
Kafka

Tagebücher, Eintragung vom 30. September 1911 (Gutenberg-Projekt)

Ruth Mätzler, Gedanken zum Titelbild der Fotoausstellung "Salzburg für alle" von Karl Mätzler, vorgetragen bei der Vernissage am 9. Oktober 14 im Salzburger Saftladen

Karl Mätzler, mit dem ich seit langem befreundet bin, hat in Salzburg Menschen zu Orten begleitet, die für sie wichtig sind, und sie dort fotografiert. Die Abgebildeten sind BesucherInnen des Salzburger Saftladens, einer Einrichtung des Vereins NEUSTART, und gehören nicht unbedingt zu den gehobeneren Schichten der Stadt. In ihren Worten zur Eröffnung der Ausstellung zitierte Ruth Mätzler den obigen Ausschnitt aus dem Tagebucheintrag Kafkas und fügte hinzu: "Ich freue mich sehr darauf, heute in der Ausstellung mit Ihnen gemeinsam zu finden, wonach wir vielleicht gar nicht gesucht hätten, wenn es die Besucher des Saftladens uns nicht gezeigt, Karl Mätzler es nicht fotografiert und Martin Schmidbauer es nicht aufgeschrieben hätte." Ich mag dieses Bild, das neugierig macht und den Gedanken weckt, in der Welt, die mir oft so festgefügt erscheint, könnten jede Menge unbekannter Dinge stecken, wert, nach ihnen zu suchen. Interessant übrigens: Kafka spricht nicht von der Außen- sondern von seiner Innenwelt, die ihn an ein Vexierbild erinnert. Entdecken wir durch die Fotos der Menschen am Rand der Salzburger Gesellschaft letztlich Unbekanntes in uns selbst?
Buchtipp: Karl Mätzler, Salzburg für alle, Edition Tandem