Gedenken an die Zukunft

Standard, 6.6.1999 (Anlaß: Gedenkfeier in Mauthausen, Bedeutung der Meinung des Auslands)

Österreich ist bereit, für die Verbrechen des Nationalsozialismus Mitverantwortung zu tragen." Diese Botschaft soll im nächsten Jahr durch eine Gedenkfeier in Mauthausen unter Beteiligung der Bundesregierung bekräftigt werden. Anton Pelinka hat vor kurzem an dieser Stelle über die Pläne für dieses Projekt berichtet ("Welches Österreich?", STANDARD vom 2. Juni 99). Seine Befürchtung: Dem Vorbild Kärntens folgend könnte nach den Nationalratswahlen im Herbst eine Regierungsbeteiligung der FPÖ unter Jörg Haider ins Haus stehen. Die Gedenkfeiern wären damit hinfällig.

In der Tat ist der Gedanke schwer auszuhalten, der Opfer in Anwesenheit eines Mannes zu gedenken, der die Täter als ehrenhaft bezeichnet hat. Das Drama in Kärnten und auch anderswo in Österreich ist allerdings nicht der Erfolg Haiders, sondern das Bewußtsein der Menschen, die ihn wählen und denen solche Aussagen Haiders entweder egal sind oder sogar akzeptabel erscheinen. So beklemmend es ist: Dieses politische Bewußtsein großer Teile der Bevölkerung ist eine Realität.

Was bedeutet es also, wenn Nachgeborene, die weder Opfer noch Täter waren, Mitverantwortung für ein historisches Verbrechen übernehmen? Zum einen ermöglicht dieser Schritt eine Annäherung, ein Gespräch mit den überlebenden Opfern und deren Nachkommen. Ganz wesentlich liegt der Sinn dieser Mitverantwortung aber in den Konsequenzen, die diese Haltung für unser gegenwärtiges Handeln hat.

Glaubwürdige Politik?

Die Herausforderung dabei ist klar: Es gilt, mit allen Mitteln gesellschaftliche Strömungen und Stimmungen zu bekämpfen, die Menschen zu Sündenböcken machen. Damit wird allerdings deutlich, daß die Latte im Hinblick auf die Einlösung der moralischen Ansprüche für ein gegenwartsbezogenes Gedenken auch für die derzeitige Bundesregierung hoch liegt: Die Veränderungen des Fremdenrechts in den letzten Jahren waren zum allergrößten Teil eine Konzession an jene Stimmungen, für die man gerne Haider allein verantwortlich machen möchte. Der Tod von Marcus Omofuma ist kein Unfall, sondern Symbol für eine Haltung.

Es genügt jedoch nicht, sich Stimmungen entgegenzustellen, es ist auch notwendig, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Und die Zielgruppen dabei sind genau jene, die ihr Selbstwertgefühl aus der Abwertung anderer beziehen.

Es gibt gewiß keine Patentrezepte für einen Dialog mit diesen Gruppen. Wer allerdings Millionen dafür ausgibt, KandidatInnen von Plakatwänden lächeln zu lassen und Kreativbüros - ebenfalls für Millionen - über Wahlslogans nachdenken zu lassen, der könnte Geld und Phantasie auch für die Auseinandersetzung mit jenen ausgeben, die glauben, in Haider ihren Führer gefunden zu haben.

Ich habe im heurigen Frühjahr eine Demokratiewerkstatt geleitet, an der Jugendliche und Politiker teilgenommen haben. Eine der wichtigsten "Tugenden" in einer lebendigen Demokratie ist nach Ansicht der TeilnehmerInnen der Mut zur eigenen Haltung. Wer aus dem Gedenken an die NS-Opfer Konsequenzen ziehen will, braucht diesen Mut.

Der schmale Grat der moralischen Glaubwürdigkeit einer solchen Feier hat nämlich auch einen Abgrund nach der anderen Seite: die Ausbeutung des Gedenkens an die Opfer durch PolitikerInnen, die in Mauthausen eine schöne Rede halten und im politischen Alltag nach der Pfeife des Boulevards tanzen. Das brauchen wir selbst dann nicht, wenn es dem Ausland gefallen sollte.